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STANDARD-8 BÜROKRATIE-ABBAU

Hebel Track

Bürokratie-Index

Fortschreibbarer Ausgangswert

Einen einzigen, fortschreibbaren Ausgangswert bilden, an dem der Fortschritt messbar wird.

Bedingt einzeln Aufwand: Mittel ~2 Tage
BRAUCHT (INPUT)
Aufwand-Nutzen-Liste
ERZEUGT (OUTPUT)
Bürokratie-Index (Startwert)

Das Wichtigste in Kürze

Wie mache ich Bürokratie-Abbau messbar, ohne eine Prozesskostenrechnung aufzubauen?

  • Der Bürokratie-Index ist ein Startwert aus drei Bestandteilen: geschätzte Jahresstunden, zwei bis drei getaktete Durchlaufzeiten, Bestandszahlen aus der Landkarte.
  • Aufwand für den Aufbau: rund zwei Tage, verteilt. Voraussetzung ist eine grobe Bürokratie-Landkarte und eine bewertete Aufwand-Nutzen-Liste.
  • Der Index wird auf 100 normiert. Interessant ist die Veränderung, nicht der absolute Wert.
  • Gemessen wird quartalsweise oder jährlich — und immer nach derselben Methode, auch wenn sie unscharf ist. Vergleichbarkeit schlägt Genauigkeit.
  • Der Index ist ein Trend-Instrument, keine Buchhaltung. Wer ihn als exakte Einsparung präsentiert, verliert ihn beim ersten Rückfrage-Termin.
  • Als Zielgröße für einzelne Bereiche taugt er nicht: Sobald er bewertet wird, wird er optimiert statt gemessen.

Anleitung

So geht’s

  1. Aus der Aufwand-Nutzen-Liste die geschätzten Gesamtstunden/-kosten p. a. verdichten.

  2. Ergänzend 2–3 Durchlaufzeiten von Kernprozessen takten (z. B. Freigabeprozess: 6 Personen, 11 Tage, 200 Fälle/Jahr).

  3. Als Index-Startwert festhalten und Messrhythmus definieren.

Stolperstein

Den Index als exakte Zahl verkaufen → er ist ein Trend-Instrument, keine Buchhaltung.

Beispiel

Ein Energieversorger definiert einen Index aus Gesamtstunden p. a. plus drei getakteten Durchlaufzeiten – die Diagnose-Grundlage für das Beratungsprojekt.

Aufbau

Drei Bestandteile

Ein einzelner Wert reicht nicht aus, weil Bürokratie sich in drei Dimensionen zeigt: als Zeitaufwand, als Wartezeit und als Bestand. Der Index verdichtet alle drei.

BestandteilQuelleBeispielwertWarum er nötig ist
JahresstundenAufwand-Nutzen-Liste18.400 Std. p. a.Misst die gebundene Arbeitszeit
DurchlaufzeitenZwei bis drei Kernprozesse taktenFreigabe: 11 Tage, 6 BeteiligteMisst die Wartezeit, die keine Stundenzahl zeigt
BestandszahlenBürokratie-Landkarte61 Regeln, 38 SerientermineMisst, ob der Bestand wieder wächst

Die zweite Zeile ist die, die am häufigsten fehlt — und die aussagekräftigste. Ein Freigabeprozess, an dem sechs Personen beteiligt sind und der elf Kalendertage dauert, bindet vielleicht nur drei Personenstunden. Die restlichen zehneinhalb Tage sind Liegezeit. Sie kostet keine Arbeitszeit, aber sie ist der Grund, warum Kundinnen abspringen und Mitarbeitende Umgehungswege bauen.

Für die Erhebung der Durchlaufzeit genügen zwanzig echte Vorgänge aus dem letzten Quartal: Eingangsdatum, Abschlussdatum, Zahl der Stationen. Wer keine Systemdaten hat, nimmt zehn Fälle und fragt die Beteiligten — auch das ist belastbar genug für einen Trend.

Die erste Zeile, die Jahresstunden, lässt sich ohne Vorarbeit überschlagen. Sie entsteht aus drei Faktoren, von denen der dritte regelmäßig vergessen wird: Ein 60-Minuten-Termin mit acht Personen kostet acht Personenstunden, nicht eine.

Rechner 1 · Aufwand einer Aktivität

Die Formel aus Block A des Rechenblatts: Zeit pro Vorgang × Häufigkeit pro Jahr × Beteiligte. Voreingestellt ist ein wöchentlicher Serientermin von 60 Minuten mit acht Teilnehmenden.

Minuten
Vorgänge

46 = wöchentlich abzüglich Urlaub und Feiertage

Personen
Euro

Vollkosten je Personenstunde; leer lassen, wenn nur Stunden interessieren

Gebundene Zeit368 Stunden pro Jahr
Entspricht46 Personentagen
Rechnerische Kosten23.920 €

Ein einziger wöchentlicher Termin bindet damit mehr als zwei Personenmonate im Jahr.

Die Kostenzahl ist eine Rechengröße, keine Einsparung: Freigesetzte Zeit wird erst dann zu Geld, wenn sie nachweislich anders genutzt wird. Für die Vorlage gilt derselbe Vorbehalt wie für den Index.

Die Zahl, die dabei herauskommt, ist der Grund, warum Serientermine in nahezu jeder Erhebung an der Spitze der Zeitfresser stehen — und warum sich der Zeitfresser-Puls als erster Schritt lohnt. Wie sich diese betriebliche Rechnung zu den veröffentlichten Studienzahlen verhält, steht unter Bürokratie in Zahlen.

Rechenweg

Vom Rohwert zur Indexzahl

Die drei Bestandteile werden nicht addiert, sondern jeweils auf den Startwert normiert und dann gewichtet zusammengeführt. Der Startzeitpunkt ist per Definition 100.

  1. Startwerte festhalten. Jahresstunden, Durchlaufzeiten je Prozess, Bestandszahlen je Typ — mit Datum und einer Notiz zur Erhebungsmethode.
  2. Jede Größe indexieren. Aktueller Wert geteilt durch Startwert, mal 100. Aus 18.400 auf 15.600 Stunden werden 85 Punkte.
  3. Gewichten. Eine übliche Aufteilung ist 50 Prozent Stunden, 30 Prozent Durchlaufzeit, 20 Prozent Bestand. Die Gewichte werden einmal festgelegt und danach nicht mehr angefasst.

Die Gewichtung ist angreifbar, und das ist kein Mangel — jede Gewichtung ist eine Setzung. Entscheidend ist nur, dass sie dokumentiert wird und stabil bleibt. Ein Index, dessen Gewichte sich mit den Ergebnissen ändern, misst nichts.

Rechner 2 · Bürokratie-Index

Jede der drei Größen wird auf ihren Startwert normiert (Start = 100) und anschließend gewichtet zusammengeführt. Die Beispielwerte stammen aus der Tabelle weiter oben; unter 100 bedeutet Rückgang gegenüber dem Start.

Gebundene JahresstundenStunden p. a.
%
Teilindex —
Durchlaufzeit der KernprozesseTage (Mittel)
%
Teilindex —
Bestand an Regeln und SerienterminenAnzahl
%
Teilindex —
—Indexpunkte

Werte eintragen, um den Index zu berechnen.

Die Gewichte lassen sich ändern, sollten danach aber unverändert bleiben — ein Index mit wandernden Gewichten misst nichts. Wer die Berechnung doch anpasst, kennzeichnet den Bruch in der Zeitreihe.

Liniendiagramm des Bürokratie-Index über acht Quartale: der gemessene Wert sinkt, während die Vergleichslinie ohne Maßnahmen leicht steigt.
Der Index ist ein Trend-Instrument. Interessant ist die Richtung, nicht die dritte Nachkommastelle.

Der Sprung zwischen zweitem und drittem Quartal im Diagramm ist typisch: Dort wirkt die erste Streichaktion. Danach flacht die Kurve ab, weil die einfachen Fälle abgearbeitet sind. Wer diesen Verlauf vorher ankündigt, erspart sich später die Frage, warum es nicht mehr so schnell vorangeht.

Einordnung

Anleihe beim Erfüllungsaufwand

Die Logik ist nicht neu. Der Bund misst mit dem Erfüllungsaufwand seit Jahren, was neue Regelungen an Zeit und Kosten verursachen, und der Nationale Normenkontrollrat berichtet darüber jährlich. Zwei Dinge lassen sich davon übernehmen:

  • Bestand und Veränderung getrennt ausweisen. Der Bund weist den jährlichen Zuwachs separat vom Gesamtbestand aus. Für eine Organisation heißt das: Neue Regeln und gestrichene Regeln werden getrennt gezählt, nicht saldiert. Sonst verschwindet der Zuwachs hinter dem Abbau.
  • Eine Methode, dauerhaft. Der Aufwand wird nach einem festen Schema geschätzt, nicht je Fall neu erfunden. Genau das macht die Zeitreihe erst lesbar.

Was sich nicht übernehmen lässt, ist der Anspruch auf Vollständigkeit. Eine Organisation, die alle internen Aufwände nach Standardkostenmodell erhebt, ist ein Jahr beschäftigt und hat danach eine Zahl, die niemand nutzt. Die pragmatische Variante — Schätzung in Größenordnungen, dafür konsequent fortgeschrieben — liefert für Steuerungszwecke dasselbe Signal. Die Schätzformel dazu steht in der Aufwand-Nutzen-Matrix.

Wie sich STANDARD-8 zu anderen Steuerungs- und Kennzahlensystemen verhält, steht auf der Seite Einordnung und Vergleich.

Grenzen

Was der Index nicht leistet

Er ist keine Einsparung. Freigesetzte Stunden sind zunächst nur nicht mehr gebundene Zeit. Ob daraus ein finanzieller Effekt wird, hängt davon ab, was mit der Zeit geschieht. Wer den Index in Euro umrechnet und als Kostensenkung meldet, bekommt spätestens im Controlling-Termin die Frage nach der Gegenbuchung — und hat darauf keine Antwort.

Er misst nicht die Qualität. Ein Prozess kann schneller und schlanker werden und trotzdem schlechtere Ergebnisse liefern. Deshalb gehört neben den Index mindestens eine Qualitäts- oder Fehlerkennzahl aus dem Fachbereich — etwa aus den Prozessen, die im End-to-end-Redesign neu entworfen wurden. Ohne diese Gegengröße entsteht der berechtigte Verdacht, es gehe nur ums Kürzen.

Er verträgt keine Zielvorgabe je Bereich. Sobald Bereiche an ihrem Indexwert gemessen werden, verschiebt sich die Erhebung: Aufwände werden anders geschnitten, Regeln zusammengefasst statt gestrichen, Durchlaufzeiten großzügig gerundet. Der Index taugt als gemeinsame Trendmessung, nicht als Zielvereinbarung. Im jährlichen Bürokratie-Check wird er deshalb im Verlauf besprochen, nicht als Sollwert vorgegeben.

Bleibt die Frage nach der Untergrenze. Es gibt keinen Zielwert, ab dem eine Organisation schlank ist — der Index sagt nur, in welche Richtung sie sich bewegt. Wer eine Zahl braucht, um zu starten, hat das Instrument missverstanden: Die Zahl entsteht beim Messen, nicht davor.

FAQ

Häufige Fragen

Wie oft sollte der Bürokratie-Index gemessen werden?

Quartalsweise während einer laufenden Abbau-Initiative, danach jährlich. Häufiger ist nicht sinnvoll, weil die Erhebung selbst Aufwand erzeugt und Veränderungen erst mit Verzögerung sichtbar werden. Wichtig ist der feste Termin: Ein Index, der gemessen wird, wenn gerade jemand daran denkt, hat keine Zeitreihe.

Was ist ein guter Ausgangswert für den Index?

Es gibt keinen. Der Startwert ist per Definition 100, unabhängig davon, wie hoch der gemessene Aufwand tatsächlich ist. Vergleiche zwischen Organisationen sind nicht möglich und auch nicht das Ziel — dafür sind Zuschnitt, Branche und Erhebungstiefe zu verschieden. Verglichen wird die Organisation nur mit sich selbst.

Brauche ich für den Index eine vollständige Landkarte?

Eine grobe genügt, aber ganz ohne geht es nicht — sonst fehlt die Bezugsgröße für die Bestandszahlen. Wer schnell starten will, nimmt einen Bereich als Pilot: ein Index für die Verwaltung eines Standorts ist aussagekräftiger als ein unvollständiger für die Gesamtorganisation. Der Weg dorthin steht in der Bürokratie-Landkarte.

Wie verhindere ich, dass der Index geschönt wird?

Durch drei Festlegungen: Die Erhebungsmethode wird dokumentiert und nicht verändert; Zuwachs und Abbau werden getrennt ausgewiesen; und der Index wird nicht Teil von Zielvereinbarungen einzelner Bereiche. Eine Kennzahl, an der jemand gemessen wird, hört auf, eine Messung zu sein — dieser Zusammenhang ist als Goodharts Gesetz bekannt und trifft interne Kennzahlen genauso wie volkswirtschaftliche.

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